Mär​chen lesen, erfinden, inszenieren und sie dabei eventuell adaptieren ist immer wieder ein beliebtes Thema, auch im Sprachunterricht.

Im Folgenden werden einige Ideen zur Vereinfachung und Inszenierung von Märchentexten im Sprachunterricht Deutsch vorgestellt.

Übersicht
1. Artikel Frühes Deutsch: Spiel mir doch ein Märchen
2. Workshop für LehererInnen: Märchen inszenieren - Hänsel und Gretel von den Brüdern Grimm




1. Artikel Frühes Deutsch: Spiel mir doch ein Märchen

Die Märchen der Brüder Grimm sind ein wichtiger Teil des deutschen Kulturgutes und sie sind auch außerhalb des deutschen Kulturkreises bekannt und beliebt. In DIE ZEIT Nr. 51 vom 10. Dezember 2009 kann man sogar lesen: „[…] Das Bild, das die Welt von den Deutschen hat, ist von Grimms Märchen, wie sie kurzerhand heißen, entscheidend geprägt: vom Froschkönig, der ein Prinz ist; vom bösen Wolf, der die Geißlein frisst; von der Stiefmutter, die Schneewittchen vergiften will. Und die Hecke, die Dornröschens Schloss umwuchert, die langen Haare, die Rapunzel zu ihrem Geliebten hinabfallen lässt, der tiefe deutsche Wald, in dem Hänsel und Gretel sich verirren – das sind Szenen, die fast der ganze Erdkreis kennt. […]“ Wenn es auch später in dem Artikel heißt, dass diese Märchen ganz und gar nicht nur auf deutsche Ursprünge zurückgehen, so ist es doch eine Tatsache, dass den SchülerInnen fast überall auf der Welt der Inhalt aus der eigenen Sprache bereits vertraut ist. Aufgrund ihrer Beliebtheit und ihres Bekanntheitsgrades eignen sich Märchen deshalb ganz besonders für Unterrichtsprojekte.

Im australischen Sprachunterricht haben sie sowohl in der Primarstufe als auch in der Oberstufe ihren festen Platz im Unterricht. Sie erfreuen sich größter Beliebtheit bei jungen und älteren Schülern, wenn es um die Umsetzung in Spiel oder die Erarbeitung spielbarer Adaptionen geht.

An den Beispielen der Märchen Hänsel und Gretel und Hans im Glück soll in diesem Beitrag gezeigt werden, wie man ein Märchenspiel aus der Projektwundertüte zaubern kann… Das Projekt ist geeignet für die Arbeit mit kleinen oder großen Gruppen, ebenso für ein einfaches oder auch anspruchsvolleres Sprachniveau und kann mit viel oder wenig Zeitaufwand erarbeitet werden. Die Gruppe entwickelt unter Berücksichtigung ihren Rahmenbedingungen die Spielvorlage selbst. Am Ende steht so ein bühnenreifes Märchenstück – ganz ohne Zauberei, aber mit viel Spaß und maximaler Schülerbeteiligung.

Warum gerade diese beiden Märchen? Zum einen weil sie einen besonders hohen Bekanntheitsgrad haben, zum anderen weil sie in Stationen, deutlich sichtbaren Handlungsabschnitten, ablaufen. Bei Hans im Glück ist das offensichtlich, denn mit jedem Tausch durchläuft Hans eine andere Station. Aber auch Hänsel und Gretel lässt sich aufgrund der Handlungsabfolge leicht in Stationen unterteilen. Diese bieten den Vorteil, dass man aus ihnen einzelne, relativ kurze Szenen mit überschaubarem (auch einfachem) Text, gegebenenfalls eigenem (eventuell lebendigem) Bühnenbild und eigenem Schauspielerset kreieren kann.

Beide Märchen lassen sich auf wenige Sätze reduzieren, aus denen wiederum die ganze Geschichte reproduzierbar ist. All das bietet u. a. den Vorteil, dass man auch in großen Klassen alle SchülerInnen in das Spiel einbinden kann. Wichtig ist vor allem, dass eine Spielfassung entsteht, die für die jeweiligen SchülerInnen sprech-, spiel- und verstehbar ist.

Vom Märchentext zum Märchenspiel
1. Der erste Schritt ist das Reduzieren der Märchentexte auf wenige Sätze bzw. Überschriften (Textgrundlage: Märchentexte vereinfacht für den DaF Unterricht bei Hueber http://www.hueber.de/seite/downloads_lesetexte_daf). Dabei sind die nacheinander ablaufenden Handlungsabschnitte/ Stationen zu beachten. Pro Handlungsabschnitt/ Station sollte es nicht mehr als einen Satz bzw. eine Überschrift geben. Wenn die SchülerInnen dies in Gruppenarbeit tun, sollte im Anschluss verglichen und diskutiert werden, welche Abschnitte mit welchen Überschriften als gemeinsame Arbeitsgrundlage ausgewählt werden. Egal ob in Gruppenarbeit oder im durch den Lehrer gelenkten Gespräch im Gremium, die SchülerInnen sollen an diesem Schritt beteiligt sein. Sie unterteilen den Text hier in sinnvolle Handlungsabschnitte und machen sich das Wesentliche der Handlung innerhalb dieser Abschnitte bewusst. Dabei verinnerlichen sie die Handlung bereits.
2. Bei der ersten szenischen Interpretation stehen die Bilder des Märchens, nicht der Ablauf und die Sprache im Vordergrund. Dazu empfiehlt es sich, mit den Kindern Standbilder für jede(n) Handlungsabschnitt/ Station zu entwickeln. Dies kann wiederum in Gruppen geschehen. Und auch hier geht es um die Konzentration auf den jeweiligen Kern der Handlung. Jede Gruppe stellt dann ihr Standbild vor. Die ‚Zuschauer‘ ordnen die Überschriften zu und alle Standbilder werden dann in die richtige Reihenfolge, der Handlung entsprechend, gebracht. Anschließend wird mit diesen Bildern das Märchen als Dia-Show erzählt. Ein Sprecher kann jeweils die Überschriften zwischen den Bildern ansagen. Mit diesem nun vorhandenen Grundgerüst kann je nach zeitlichen Rahmenbedingungen und Sprachvermögen der Kinder weiter gearbeitet werden.
3. Die einzelnen Standbilder der Dia-Show können jetzt mit den Protagonisten lebendig werden. Es kann z. T. schon entschieden werden, wie weit jede Szene ausgebaut wird, welche Requisiten, wie viele Spieler man in ihnen benötigt. Zunächst geschieht dies alles noch ohne Sprache. Wird erst an der Handlung, am Körperlichen gearbeitet, fällt es den Spielern später leichter die Handlung mit Spiel auszufüllen. Kommt zu schnell der Text hinzu, und dieser ist noch in einer Fremdsprache, wird das Spiel gehemmt. Die Spieler konzentrieren sich zu sehr auf die Textwiedergabe und ‚vergessen‘ zu spielen. Hat man hingegen mit Vorübungen, wie dem Spiel ohne Sprache oder auch mit Nonsens-Sprache, die Handlung erst körperlich verinnerlicht, dann ergänzt der Text das Spiel und dominiert es nicht. Falls sich der Spielleiter doch entscheidet, Sprache zu benutzen, sollte der Text auf keinen Fall bereits festgelegt sein, sondern eher spontan aus der jeweiligen Spielsituation heraus entstehen.
4. Die Figuren des Spiels werden möglichst vielseitig erkundet. Es können Rollenbiographien für sie erfunden werden. Ist Hänsel der große oder kleine Bruder Gretels? Wer beschützt, tröstet wen, was mögen die beiden besonders gern... etc.? Wer ist Hans im Glück überhaupt? Welche Vorgeschichte hat er...? Was hat er in den sieben Jahren bei seinem Herren getan? Märchenfiguren wie die Hexe kann man besonders gut ausbauen. Es bietet sich an, sie aus mehreren Spielern zusammen zu setzen. So kann es eine drei- oder auch fünf-‚personige‘ Hexe geben. Jede Spieler-Person agiert als ein Teil der Hexe. So zum Beispiel als der Teil, der sich ein wenig erschrocken und erbost fragt, wer am Hause knabbert. Andere Teile können die lockende, freundliche Hexe sein und die böse, hinterlistige, die die Kinder auffressen will oder der Teil, der den Hexenbesen schwingt und eventuell die Gedanken der Hexe ausspricht. Diese verschiedenen Teile agieren dann als ein Ganzes und so wird aus der Hexe eine echte Märchenfigur im wahrsten Sinne des Wortes. Hans im Glück kann in den verschiedenen Stationen verdoppelt werden. Die beiden können einen inneren Monolog spielen und sprechen, der diskutiert, ob er den jeweiligen Gegenstand wieder eintauschen soll oder nicht. Für die einzelnen Figuren können Gänge und Gesten erarbeitet werden. Wie kommt die mehr-‚personige‘ Hexe daher? Wie laufen die verängstigen, allein gelassenen Kinder durch den dunkler werdenden Wald? Wie, nachdem sie frei sind und mit den Schätzen der Hexe heimkehren? Wie hüpft ein Hans im Glück durch seine Stationen? Welche typischen Gesten, kleinen Macken könnten die Figuren haben? Bei großen Gruppen können Hänsel und Gretel in jedem Handlungsabschnitt oder Hans im Glück in jeder Station von anderen Spielern gespielt werden. Auch das Elternpaar von Hänsel und Gretel kann am Anfang und Ende des Märchens von anderen Spielern darstellt werden. Das Kostüm oder ein bestimmtes Requisit und dazu die typischen Gesten machen sie immer wieder zu der entsprechenden Märchenfigur. Außerdem muss niemand zu viel Text auswendig beherrschen und kein Spieler in einer Hauptrolle die Konzentration über ein ganzes Stück aufrecht erhalten. Das kommt der Arbeit mit Grundschülern und Fremdsprachenlernern sehr entgegen.
5. Ein Kommentator oder Erzähler kann hinzugefügt werden und auch Kinder, die in Gesten und Posen stimmlich und/ oder musikalisch den Ort der Handlung gestalten. Indem sie zum Beispiel ein lebendiges Bühnenbild sind. Bei Hänsel und Gretel können sowohl der Wald als auch das Pfefferkuchenhaus solche Bühnenbilder sein. Gehen die beiden Kinder durch den Wald können die ‚Bäume-Spieler‘ ihnen etwas zurufen, sich bewegen, eine bestimmte Stimmung erzeugen, auf die die Spieler wiederum in ihren Rollen reagieren. Bei Hänsel und Gretel kann das bekannte Kinderlied mit einbezogen werden. Bei Hans im Glück können ebenfalls die jeweilige Umgebung, aber auch die Tiere, die er eintauscht, von Spielern dargestellt und gesprochen werden. Dabei haben die SchülerInnen sehr viele Möglichkeiten, eigene Texte und somit Interpretationen zu finden.
6. Baut die Gruppe auf diese Weise die Szenen und Figuren aus, kann mehr und mehr der konkrete Text hinzukommen. Auch hier muss man sich nicht an die Vorlage halten, sondern können die Spieler, die das Märchen nun sehr gut kennen, ihre Texte selber finden. Dafür greifen sie auf den vorhandenen Wortschatz zurück, spüren aber auch die Grenzen und wollen diese sprengen und ihr Ausdrucksvermögen in der anderen Sprache erweitern.
7. Und zum Schluss, nachdem die Handlung und die Rollen erspielt und die Texte gefunden worden sind, legt sich die Gruppe auf eine Spiel- und Textfassung fest, die dann eingeübt wird.
Mit Hilfe der zentralen Aussagen aus dem ersten Schritt werden also durch Improvisationen in den Schritten zwei bis sechs die Reduktionen personifiziert, situiert und in Aktion überführt, um zu einer durch die Gruppe selbst erschaffenen und so für sie spielbaren Fassung zu kommen. Bei einem solchen Herangehen kann man deutlich erkennen, dass Märchen zwar nach einem sinnreichen, ganzheitlichen Umgang fragen, aber keine Überforderung für die Spieler sein müssen. Der aktive Sprachgebrauch ist minimal und somit dem Grundschulniveau angepasst. Und trotzdem kann im Spiel und seiner Inszenierung das ganze Märchen mitschwingen, ist seine ganze Spannung zwischen Einfügen und Aussprechen spürbar. (nach Dieter Kirsch, Es war einmal … Frühes Deutsch 4/2005, S. 7)
Literaturverzeichnis:
Ulrich Greiner, Wie Wilhelm Grimm das Märchen erfand, DIE ZEIT Nr. 51, 10.12.2009, Feuilleton S.47
Dieter Kirsch, Es war einmal … Frühes Deutsch 4/2005, S. 7
Märchentexte: http://www.hueber.de/seite/downloads_lesetexte_daf
Artikel Frühes Deutsch Heft 19/2010 K. Furmanek

2. Workshop für LehrerInnen: Märchen inszenieren - Hänsel und Gretel von den Brüdern Grimm

Dieser Workshop wurde fuer LehrerInnen, die Deutsch an australischen Schulen unterrichten, gehalten.
Workshop zur Inszenierung von Hänsel und Gretel
Aufgaben fuer Gruppen im Workshop
Vereinfachter Märchentext / Download Hueber Verlag
Download Grimm Texte